„Diese Tat hat Bad Godesberg verändert“, sagte Bezirksbürgermeisterin Feyza Yildiz bei der Enthüllung einer Stele in Gedenken an Niklas Pöhler am Rondell an der Rheinallee am Samstag. Zehn Jahre zuvor war an gleicher Stelle der 17jährige Niklas Pöhler brutal attackiert worden und wenige Tage später im Krankenhaus an den Folgen verstorben. Es war tatsächlich eine Zäsur für Bad Godesberg. Das zeigt allein ein kleiner Rückblick ins überregionale Pressearchiv:
“Gewalt liegt in der Luft“,titelte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am 4. Juni 2016. „Als Bad Godesberg das feine Diplomatenviertel war, ließ sich gut von Multikulti schwärmen. Nun wurde ein junger Mann totgeprügelt – für viele Bürger das Ergebnis zunehmender Brutalität und einer Politik, die viel zu spät reagiert – oder sich dazu nicht traut. Viele haben Angst, auch davor, sich fremd zu fühlen in einem Ort, wo die Burka das Stadtbild prägt“, hieß es.
“Es kracht am Rhein“, überschrieb wenige Tage später am 9. Juni 2016 die Süddeutsche Zeitung auf ihrer Reportageseite die schrecklichen Ereignisse. „Bad Godesberg“, so die Zeitung, „war mal berühmt für seine Villen und seine Diplomaten. Aber die Beschaulichkeit ist dahin. Jetzt stehen sich hier zwei Welten gegenüber. Eine Geschichte über Entfremdung und Gewalt auf engstem Raum.“
Der Stadtbezirk sei wie ein Brennglas der bundesrepublikanischen Gesellschaft, meinte Wolfgang Picken, damals leitender katholischer Pfarrer im Rheinviertel. „Sozialwissenschaftliche Studien behaupten, nirgendwo sonst im Land träfen auf so engem Raum so extremer Reichtum und so große Armut aufeinander. Von diesen zwei Welten war schon oft die Rede. Aber der Stadtbezirk kennt nicht nur diese zwei Welten. Es sind die vielen Welten, die ihn ausmachen.“
Der Versuch, den gewaltsamen Tod des Jugendlichen für eine Hetzkampagne und Demonstration gegen Migranten und Geflüchtete beziehungsweise gegen „Ausländergewalt“ zu instrumentalisieren, scheiterte. Aber auch der Versuch der anderen, dem Geschehen reflexartig zu antworten, machte es nicht besser. So dauerte es einige Wochen, bis auf die Initiative von „Go Respekt-Godesberg gegen Gewalt“ ein würdevoller Weg für viele Bürger gefunden wurde, ihre Anteilnahme auszudrücken. 350 Menschen kamen im Kurpark zu einer Schweigestunde zusammen, unter ihnen Vertreter der Stadtverwaltung, der Politik, von Vereinen und Schulen.
Ein Verdächtiger wurde damals gefasst, am Ende konnte ihm die Tat nicht nachgewiesen werden. Ein Drama vor allem für die Angehörigen, vor allem für Niklas`Mutter Denise Pöhler, die gemeinsam mit der Bezirksbürgermeisterin und Oberbürgermeister Guido Deus die Stele der Öffentlichkeit präsentierte. Zu den rund 100 Gästen an der Veranstaltung zählten auch zahlreiche Vertreter und Vertreterinnen aus der Politik, aus der Jugend- und Sozialarbeit und privaten Initiativen. Auch Polizeipräsident Frank Hoever nahm an der Gedenkveranstaltung teil.
Seit dem Tod von Niklas hat sich vieles geändert: Seit zehn Jahren gibt es im nahe gelegenen Hansahaus das „One world café“, eine wichtige Anlaufstelle für Jugendliche in der Godesberger Innenstadt. Polizei und Ordnungsamt arbeiten enger zusammen denn je, der Rat der Stadt Bonn brachte im vergangenen Jahr ein neues Konzept für Sicherheit und Ordnung auf den Weg. Mit deutlich größerer Präsenz vor Ort will die Stadt für mehr Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit in Bonn sorgen. 2021 wurde eine Fachberatung Gewaltprävention bei der Stadt eingerichtet, in diesem Jahr fand erstmals ein stadtweiter Fachtag „Jugendliche stärken, Diversität fördern“ statt. Nicht wirklich zufrieden zeigte sich Wolf Kuster, einst Gründer der Initiative „Go Respekt“, die er bereits 2002 ins Leben gerufen hatte. Er sieht weiterhin ein Missverhältnis zwischen „aufwendigen repressiven Maßnahmen“ und „echter präventiver Arbeit.“
Bewegend waren die Worte und die Haltung von Denise Pöhler, die mit einem Zitat von Margot Friedländer ihren Wunsch für die Zukunft artikulierte: „Schaut nicht auf das, was euch trennt. Schaut auf das, was euch verbindet.“
Bad Godesberg hat eine sehr engagierte Zivilgesellschaft. Gemeinsam mit Stadt und Polizei gilt es, auch künftig auf dem Weg gegen Gewalt voranzuschreiten. Hinzuschauen und sich zu wehren gegen Hass und Gewalt bleibt ein Gebot der Stunde.